Wer mit der Bahn von Burgdorf nach Thun wollte, fuhr über Bern: 53 Kilometer. Eine direkte Linie hätte den Weg um knapp 13 Kilometer verkürzt. Aus diesem Rechenexempel entstand die Burgdorf-Thun-Bahn – und mit ihr, so die Darstellung des Wikipedia-Artikels, die erste elektrische Vollbahn der Schweiz.
Der Bund konzessionierte zunächst zwei Teilstücke: am 17. April 1891 Konolfingen–Biglen, am 29. Juni 1893 Konolfingen–Thun. Erst am 23. Dezember 1896 fasste er beides zu einer Bahn zusammen, die an die 1881 gebaute Emmentalbahn anschliessen sollte. Der Anschlusspunkt war Hasle-Rüegsau.
Sieben Kilometer fremdes Gleis
Am 21. Juli 1899 ging der Betrieb los. Eigene Schienen hatte die Gesellschaft erst ab Hasle-Rüegsau; die ersten sieben Kilometer ab Burgdorf, mit den Halten Steinhof und Oberburg, liefen über das Gleis der Emmentalbahn. Von 40,8 Kilometern Strecke gehörten der Bahn 33,2.
Elektrisch fuhr sie von Anfang an, mit Drehstrom von 750 Volt und 40 Hertz. Dahinter standen die Erfahrungen der Stansstad-Engelberg-Bahn und Emil Blattner, Professor für Elektrotechnik am Technikum Burgdorf und zugleich Gemeinderat der Stadt. Mehr als 750 Volt liess das Eisenbahndepartement nicht zu; es begründete das mit der Sicherheit von Fahrgästen und Personal.
Den Strom lieferte das Kander-Kraftwerk bei Spiez mit 16’000 Volt über eine Freileitung, die neben der Bahn auch die Stadt Burgdorf versorgte. Vierzehn Transformatorenstationen setzten die Spannung auf 750 Volt herunter, je 450 Kilovoltampere – ausgelegt auf einen Doppelzug von 100 Tonnen.
Was 36 km/h nicht heisst
Die Triebwagen fuhren durchwegs 36 Stundenkilometer, auch bergab: Die Motoren arbeiteten im Gefälle als Bremse. Was diese Zahl nicht belegt, ist die Reisezeit – die Quelle nennt keine. Sie sagt nur, dass der elektrische Betrieb einen für damals dichten Fahrplan erlaubte.
Geschäftlich ging es aufwärts, langsam. 1911 zahlte die Gesellschaft erstmals eine Dividende, zwei Prozent. Zwischen 1914 und 1920 verdreifachten sich die Erträge im Personen- wie im Güterverkehr.
Das Ende des Drehstroms kam in drei Schritten. In Konolfingen kreuzt die Bahn die SBB-Linie Bern–Luzern; als diese elektrifiziert wurde, war das eigene Stromsystem nicht mehr zu halten. Umgestellt wurde am 8. August 1932 zwischen Burgdorf und Hasle-Rüegsau, am 12. Februar 1933 bis Grosshöchstetten, am 30. April 1933 bis Thun. Neun Jahre später kam das Ende der Eigenständigkeit: Weltwirtschaftskrise und Autoverkehr hatten die Einnahmen einbrechen lassen, das Privatbahnhilfegesetz knüpfte die Sanierung an einen Zusammenschluss. Auf den 1. Januar 1942 ging die Gesellschaft in der Emmental-Burgdorf-Thun-Bahn auf.
Für die Region
Die Strecke gehört heute zur BLS, die 2006 aus dem Regionalverkehr Mittelland und der BLS Lötschbergbahn entstand. Zwischen Burgdorf und Hasle-Rüegsau fahren die S 4 nach Langnau und die S 44 nach Sumiswald-Grünen über jene sieben Kilometer, die der Burgdorf-Thun-Bahn nie gehörten.