Seit 1903 steht in Rüderswil ein Denkmal für Niklaus Leuenberger. Der Mann, dem es gilt, war 250 Jahre davor in Bern enthauptet worden, und öffentlich an den Aufstand zu erinnern, war danach bei Todesstrafe verboten – so stellt es der abgerufene Artikel über den Bauernkrieg dar. Bezahlt hat die Statue eine Vereinigung aus Bern.
Ein Rüderswiler an der Spitze
Leuenberger kam nach Angabe des Artikels über ihn um 1615 in Schönholz zur Welt, in der Gemeinde Rüderswil. Genauer wird das Geburtsjahr dort nicht; das «um» steht in der Quelle und bleibt deshalb hier stehen.
Zum Anführer wurde er in Huttwil gewählt, an der ersten der beiden Versammlungen, die der Artikel dort verzeichnet. Der Artikel datiert sie nicht auf einen Tag: Sie fand «eine Woche später» statt als ein Treffen vom 23. April 1653 in Sumiswald, an dem Vertreter der Landbevölkerung von Luzern, Bern und Basel ein Bündnis geschlossen hatten. Solothurn habe sich mit einer Beobachterrolle begnügt.
Was den Aufstand auslöste
Angefangen hatte es mit Geld. Am 2. Dezember 1652 setzte Bern den Wert des Kupferbatzens um die Hälfte herab, um den Nennwert dem wirklichen Wert anzunähern. Für den Umtausch zum alten Kurs blieben drei Tage. Wer das nicht schaffte – und das waren nach Darstellung des Artikels die meisten –, verlor auf einen Schlag die Hälfte seines Vermögens. Am härtesten traf es das luzernische Entlebuch, wo besonders viele Berner Batzen umliefen.
Dazu kam eine ältere Not. Süddeutschland kam nach dem Westfälischen Frieden von 1648 wirtschaftlich rasch auf die Beine; die Schweizer Ausfuhren gingen darauf zurück, die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse sanken. Wer in den guten Kriegsjahren Geld aufgenommen hatte, sass nun auf Schulden.
Zuerst wehrten sich die Entlebucher. Sie beschlossen am 15. Februar 1653 an einer Landsgemeinde in Heiligkreuz, keine Steuern mehr zu zahlen, bis Luzern ihre Forderungen erfülle. Am 26. Februar schlossen sich die luzernischen Landgemeinden in Wolhusen zusammen. Anfang März kamen die Emmentaler dazu und richteten ähnliche Forderungen an Bern.
Fast wäre es dabei geblieben. Am 4. April schlug eine reformierte Vermittlungsdelegation unter dem Zürcher Bürgermeister Johann Heinrich Waser in Bern einen Kompromiss vor, und das Emmental nahm ihn an; die Vertreter legten neue Treueschwüre ab. Die Entlebucher lehnten ab, weil ihr Aufstand für illegal erklärt worden war und ihre Anführer bestraft werden sollten. Am 10. April kamen beide Seiten in Signau zusammen, und dort brachten die Entlebucher die Emmentaler dazu, die Schwüre von Bern fallen zu lassen.
Der Bundesbrief von Huttwil
Am 14. Mai 1653 kam in Huttwil eine weitere Landsgemeinde zusammen. Dort wurde das Bündnis schriftlich festgehalten, in der Form der alten Bundesbriefe der Eidgenossenschaft. Der Vertrag machte den Bauernbund zu einer eigenen politischen Einheit, die sich den Städten für gleichberechtigt hielt. Aus der Steuerverweigerung war damit eine Unabhängigkeitsbewegung geworden. Rechtlich beriefen sich die Untertanen auf alte Rechte und besonders auf das Stanser Verkommnis von 1481.
Eines liess der Vertrag ausdrücklich zu: zwei Konfessionen im selben Bund. Katholiken aus dem Entlebuch und dem Solothurnischen standen darin neben Reformierten aus dem Emmental und dem Baselbiet. Die Städte selbst blieben in dieser Frage getrennt – das reformierte Bern wandte sich nach Zürich, das katholische Luzern in die Innerschweiz.
Vor Bern und dann verloren
Am 18. Mai stellten die Untertanen Bern und Luzern ein Ultimatum. Bern antwortete mit einer Protestnote, worauf ein Heer von 16 000 Mann unter Leuenberger losmarschierte und am 22. Mai vor der Stadt stand. Am 28. Mai versprach der Rat im Murifeldfrieden, die fiskalischen Forderungen zu erfüllen; dafür sollte der Bauernbund aufgelöst werden. Unterschrieben haben Leuenberger und Schultheiss Niklaus Dachselhofer.
Der Frieden hielt nicht, weil er zu spät kam. Zürich hatte am 30. Mai ohne Kenntnis davon ein Heer aufgestellt: rund 8000 Mann, 800 Pferde, 18 Kanonen, unter Konrad Werdmüller. Als eine Abordnung der Aufständischen ihm den Vertrag vom Murifeld zeigte, erkannte er ihn nicht an und verlangte bedingungslose Kapitulation. Am 3. Juni griff das Bauernheer an und verlor die Schlacht von Wohlenschwil; Artillerie hatte es keine. Der Frieden von Mellingen verlangte die Auflösung des Bundes.
Am 7. Juni traf ein Berner Heer bei Herzogenbuchsee auf rund 2000 Mann, die von Wohlenschwil zurückkamen, und schlug sie. Das Dorf brannte während der Kämpfe. Leuenberger versteckte sich, wurde von einem Nachbarn verraten und am 9. Juni von Samuel Tribolet verhaftet, dem Landvogt von Trachselwald. Am 27. August starb er in Bern unter dem Schwert; danach wurde der Leib zerteilt. Der Kopf kam an den Galgen, und daneben eine der vier Abschriften des Huttwiler Bundesbriefs.
Danach durfte niemand daran erinnern
Die Städte gewannen und richteten sich anschliessend gegen das Gedächtnis. Nach Darstellung des Artikels wurden Fahnen und die Waffen der Aufständischen verboten, eingezogen und zerstört – vor allem die genagelten Keulen, Knüttel genannt. Die Bundesbriefe verschwanden in den Archiven der Städte. Verboten war unter Todesstrafe jedes öffentliche Gedenken, ebenso Wallfahrten zu den Hinrichtungsorten und das Singen der Lieder des Aufstands. Bern habe sich dabei besonders hervorgetan und auch versucht, Bildnisse der Anführer verschwinden zu lassen.
Vollständig ging das nicht auf. Im Privaten sei die Erinnerung an 1653 weitergegeben worden, und im Deutschen Reich erschienen Darstellungen der Ereignisse.
Die amtliche Zurückhaltung hielt lange über das Ancien Régime hinaus. Als 1891 zur 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft ein Theaterstück auch den Bauernkrieg zeigen sollte, liessen die Veranstalter die Szene streichen.
1903 stand die Statue
Erst zum 250. Jahrestag entstanden die ersten Denkmäler für die Aufständischen und ihre Anführer. In Escholzmatt wurde am 26. Juli 1903 eines für Christian Schybi und Hans Emmenegger enthüllt, im gleichen Jahr die Statue für Leuenberger in Rüderswil. Der Artikel über Leuenberger nennt dafür den 7. Juni 1903 und als Beteiligte drei Namen: Karl Alfred Lanz, Cesare Laurenti und den Burgdorfer Architekten B. Christen.
Bezahlt wurde die Statue von der Ökonomischen Gesellschaft Bern. Der Artikel über den Bauernkrieg nennt das ironisch und begründet es: Die Vereinigung entstand 1759, und am Anfang gehörten ihr ausschliesslich Angehörige der führenden Familien der Stadt Bern an. Ob das 1903 noch so war, steht dort nicht, und warum sie das Denkmal stiftete, auch nicht.
Weitere Statuen und Gedenktafeln folgten 1953 zum 300. Jahrestag, an anderen Orten.
Für die Region
Das Denkmal in Rüderswil besteht nach Angabe des Artikels über Leuenberger noch heute. Wer daran vorbeigeht, steht vor einer Erinnerung, die zweimal die Richtung gewechselt hat: erst amtlich verboten, dann von einer Berner Gesellschaft bezahlt.
Der Artikel über Rüderswil führt Leuenberger unter den Persönlichkeiten der Gemeinde auf, mit dem Todesjahr 1653 und ohne Geburtsjahr. Das passt zur Quellenlage: Wann er geboren wurde, weiss man ungefähr; wann er starb, auf den Tag.
Und noch etwas hat mit dem Blattgebiet zu tun. Samuel Tribolet, der Landvogt von Trachselwald, der Leuenberger verhaftete, wurde Anfang 1654 selbst entlassen, verurteilt und verbannt – nach Darstellung des Artikels eines von mehreren Verfahren, die Bern nach dem Krieg gegen eigene Landvögte führte, weil die Bevölkerung sie beschuldigt hatte. Zwei Jahre später durfte er zurückkommen; er hatte in eine einflussreiche Stadtberner Familie eingeheiratet. Den Landvögten schrieb Bern zudem vor, weniger herrschaftlich aufzutreten.